Nachhal­tigkeit als Leitprinzip für die Digitali­sierung verankern

04.11.2020 | Susanne und Dieter Janecek, MdB | ∅ 8 min

zurück

Dieter Janecek, ist im Bundestag bei der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN für Industriepolitik und digitale Wirtschaft zuständig und Mitglied der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz.

Grüne Politik sieht die Chance für Deutschland und Europa, Digitalisierung als Nachhaltigkeitsmotor zu gestalten. Doch diese könnte selbst zum Treiber der Klimakatastrophe werden, wenn der ökologische Fußabdruck nicht kleiner wird. In eurem Antrag „Digitalisierung ökologisch gestalten“ werbt ihr für „eine umfassende Green-IT-Strategie mit dem Ziel der Technologieführerschaft bei nachhaltigen digitalen Geschäftsmodellen und bei Hard- und Software“.

Siehst du hier schon erste Erfolge?

Dieter Janecek: Nicht substanziell. Aber es ist erkennbar, dass das Bundesumweltministerium das Thema Digitalisierung und Nachhaltig­keit endlich ernst nimmt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass wir das, fast schon gebetsmühlenartig, auf die Agenda setzen, bereits in der letzten Wahlperiode übrigens. Steter Tropfen höhlt den Stein. Innerhalb der Bundesregierung hat die Umweltministerin meist nur das große Problem: Ihre Vorschläge werden vom Wirtschafts­minister oder vom Kanzleramt meist konsequent ignoriert. So kommen in der Umsetzungsstrategie Digitalisierung der Bundesregierung Klimaschutz und weitere ökologische Fragen nur am Rande vor. Eine Green-IT-Strategie existiert bis heute nicht. Bei der Digitalisierung wird die Klimakrise von der Bundesregierung definitiv nicht als Krise behandelt. Grundsätzlich gibt es beim Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit zwei Seiten der Medaille. Einmal Green-by-IT. Also wo uns digitale Technologien dabei helfen Prozesse effizienter zu gestalten und so beispielsweise beim Energieverbrauch zu sparen. Und die andere Seite ist Green-IT. Also dass die Digitalisierung selbst nachhaltig gestaltet wird. Beispielsweise durch das konsequente Recycling von IT-Hardware, effizientere Rechenzentren, gerade auch was die rund tausend Rechenzentren des Bundes betrifft, und ein Recht auf Reparatur für digitale Endgeräte. Beide Seiten müssen zusammen gedacht werden. Und Nachhaltigkeit muss als ein Leitprinzip auch für die Digitalisierung verankert werden. Wir haben deshalb auch hart dafür gearbeitet, das Thema KI und Nachhaltigkeit im Abschluss­bericht der Enquete-Kommission stark zu machen. Aber da muss definitiv mehr passieren.

Millionen von Nutzer*innen können täglich privat und im Beruf dafür sorgen, ihren digitalen Alltag ressourcen­bewusster zu machen. Hier ist z.B. das enorme Potenzial, Energie und damit Tonnen an CO₂ zu sparen, noch nicht gehoben.

Wie kann das gelingen?

Dieter Janecek: Also grundsätzlich gilt – das ist zumindest mein Anspruch an Politik: wir müssen die Rahmenbedingungen für Ressourcen- und Energieeffizienz richtig setzen, auch und gerade in der digitalen Welt. Wir müssen vor allem an die großen Hebel ran und an die digitalen Angebote, die einen Beitrag zum Klimaschutz und Nachhaltigkeit leisten können. Der Energieverbrauch der Industrie könnte bis 2030 beispielsweise durch IT-gesteuerte Prozess­opti­mierung um 25 bis 30 Prozent sinken. Autonom fahrende Klein­busse könnten den privaten PKW in vielen Situationen überflüssig machen und den ländlichen Raum besser anbinden. Durch intelligente Steuerung kann KI helfen, Bus, Bahn- und Radverkehr intermodal clever zu verknüpfen, den Autoverkehr in Städten zu reduzieren und auch sicherer zu machen. In der Landwirtschaft kann durch KI der Einsatz von Pestiziden drastisch reduziert werden und durch intelligente Stromnetze die Energiewende schneller realisieren. Es gibt also super viele und kluge Anwendungsbereiche für digitale Technologien.
Wir Grüne wollen diese Potenziale heben und digitale Innovationen für den Klimaschutz einsetzen und fördern. Wir fordern deshalb einen Nachhaltigkeitscheck für digitale Entwicklungen und die finanzielle Unterstützung für Erforschung und Entwicklung nachhaltiger Digitalprojekte.
Innovationen und Effizienzsteigerungen allein werden aber nicht reichen. Die Digitalisierung wird ja nicht automatisch zum Motor für Nachhaltigkeit. Durch vermehrten Einsatz kann sie genauso gut auch zum Brandbeschleuniger der Klimakrise werden. Beim derzeitigen globalen Strommix sind digitale Anwendungen für ca. 2,5 Gigatonnen CO₂-Emissionen verantwortlich. Deshalb braucht es auch einen ökologischen Ordnungsrahmen für die Digitalisierung, damit uns die Emissionen hier nicht durch die Decke gehen.

Du kennst als Politiker die Debatten um die Veränderung von Lebensstilen zugunsten der Umwelt.

Welche Erfahrungen kannst du an Think Digital Green® weitergeben, um Communities für ein bewussteres, digitales Konsumieren zu gewinnen?

Dieter Janecek: Im Alltag kann jede/r Einzelne von uns zum Beispiel in den Apps die Autoplay-Funktion als Standard-Einstellung deaktivieren oder die Videoauflösung von Streaming- und Video-on-Demand-Diensten manuell herunterschrauben. Der größte Beitrag, den Nutzer*innen leisten können: Endgeräte länger nutzen, vielleicht mal auf ein gebrauchtes Gerät zurückgreifen oder ältere, aber noch funktionsfähige Geräte weiterverkaufen oder verschenken, anstatt sie in der Schublade liegen zu lassen. Und natürlich keinesfalls einfach wegwerfen – passiert leider häufiger als man denkt. Ich erlebe aber auch oft, dass für eine Veränderung des Lebensstils der moralische Zeigefinger wenig zielführend ist Menschen für mehr Nachhaltigkeit zu begeistern. Vor allem auch weil man als Individuum nur begrenzt Einfluss auf die ökologischen Auswirkungen der Digitalisierung hat. Der politische Hebel ist da deutlich größer. Das Umweltbundesamt hat beispielsweise berechnet, dass die Art der Datenübertragung entscheidend für die Klimabilanz von Video-Streaming ist. Wenn wir Filme zu Hause über einen Glasfaser-Anschluss streamen ist der CO2-Ausstoß gleich deutlich geringer als eine Datenübertragung via Kupferleitung. Durch den Breitbandausbau können wir also unseren digitalen Alltag deutlich ökologischer gestalten. Die Rahmenbedingungen für den Ausbau einer flächendeckenden digitalen Infrastruktur setzt aber der Staat, das liegt nicht in der Hand des Einzelnen. Seit Jahren geht der Ausbau mit schnellem Internetzugang aber nur im Schneckentempo voran. Und ganz generell brauchen wir unbedingt einen nachhaltigen Ordnungsrahmen für die Digitalisierung. Ohne sozial-ökologische Rahmen­bedingungen wäre es wie auf der Autobahn ohne Leitplanken und ohne Sicherheitsgurt zu rasen, schlichtweg fahrlässig. An Think Digital Green® würde ich also weitergeben, Menschen für den digitalen Wandel mit positiven Zukunftsszenarien einer öko-digitalen Welt zu begeistern. Die Nachhaltigkeitspotenziale der Digitalisierung sind enorm. Und gleichzeitig muss gerade von Politikern und Politikerinnen gefordert werden, dass sie die richtigen politischen und rechtlichen Leitplanken für die ökologische Digitalisierung setzen. Dafür setze ich mich im Bundestag ein.

Wir alle nutzen digitale Services und Applikationen, um Dinge schnell zu erledigen, zu kommunizieren aber auch um Spaß zu haben.

Welche App(s) magst du persönlich besonders?

Dieter Janecek: Auf meinem Handy habe ich mehrere Dutzend Mobilitäts-Apps. In Berlin bin ich in der Sitzungswoche fast ausschließlich mit Sharing-Fahrrädern unterwegs – und in der Hauptstadt gibt es gleich sieben oder acht Anbieter. Wenn mehr Dienste in weniger Apps nutzbar wären, wäre das schon auch eine feine Sache. In diesen schwierigen Zeiten bin ich für die Corona-Warn-App aber besonders dankbar. Sie müsste allerdings dringend weiterentwickelt werden um Gesundheitsämter wirksamer bei der Kontaktnachverfolgung zu entlasten.

Weiterführende Infos für Dich:
∷ Dieter Janecek | Website
∷ Antag: Digitalisierung ökologisch gestalten [PDF]